Freude empfinden
Überraschungen erleben
Strukturen ertasten
Gleichgewicht halten
Ins Ungewisse treten
Angst überwinden
Leben spüren

 
  August 2012

 
 
Diese Konzeption stellt unsere pädagogische Idee, unsere Ziele und unser Beisammensein in und mit der Natur vor.


1. Unsere Motivation

Im Mittelpunkt unserer pädagogischen Arbeit steht die alters- und entwicklungsgemäße Vermittlung und Förderung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften, die das Kind in seinem Selbstvertrauen und seiner Selbstständigkeit, sowie seiner Neugierde und seiner Freude am Lernen stärken. Um dies umsetzen zu können, sorgen wir für eine liebevolle, motivierende und geborgene Atmosphäre.
Wir geben den Kindern wichtige Basis-Kompetenzen[1] mit auf den Weg, die sie dazu befähigen in der heutigen Gesellschaft ihren eigenen Weg zu finden. Unsere Arbeit orientiert sich an den Zielen des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplanes (BEP).

2. Unser pädagogisches Anliegen

2.1 Unsere Sicht vom Kind

Kinder kommen als Individuen zur Welt, die sich mit ihren Begabungen, Neigungen, Interessen und auch Handikaps entwickeln, ihren eigenen Weg gehen wollen und hierbei ihre Fähigkeiten und Eigenschaften entdecken dürfen. [2]
Sie entwickeln ihre körperlichen, geistigen und seelischen Befähigungen nach ihrem ureigenen „inneren Bauplan" und sie wissen, wann der Zeitpunkt für den nächsten Schritt gekommen ist.

2.2 Unser pädagogisches Selbstverständnis

Wir sehen uns als Entwicklungspartner.
Wir achten die Individualität jedes Kindes, gehen auf dessen Bedürfnisse ein und sind kompetent, klar, unterstützend und liebevoll. Wir bauen auf den Stärken auf und helfen dadurch dem Kind Vertrauen in sich und das eigenen Tun zu erlangen.
Entwicklungspartner bedeutet gleichwohl, dass die Erziehungsaufgaben und deren verantwortungsvolle Umsetzung im Elternhaus und dem Waldkindergarten liegen.

Wir sehen uns als Lernbegleiter.
Das Lernen durch Nachahmung ist das leitende Prinzip.

Wir sehen uns als Beobachter.
Durch genaues und ganzheitliches Beobachten ist es uns möglich, die Erfordernisse für eine positive Entfaltung zu erkennen.

Wir sehen uns als Vorbild.
Mittels echten, klaren und einfühlsamen Verhaltens gegenüber dem Kind geben wir ihm Grenzen, Halt und Orientierung.

Respektvolles und demokratisches Miteinander, sowohl im Team als auch unter den Kindern, ist uns wichtig.
Unsere Kommunikation basiert auf positiven Formulierungen und einer gewalt- und wertfreien Sprache.

Beständige Reflektion und praktische Weiterbildungen helfen uns, uns in unserem erzieherischen Selbstverständnis weiter zu entwickeln.

2.3 Das ist uns wichtig

Die Natur - ICH BIN EIN TEIL DES GANZEN

Durch das tägliche Erleben und Erforschen der Natur lernen die Kinder die Vielfalt der Pflanzen, Tiere und jahreszeitlichen Gegebenheiten intensiv kennen und schätzen.

Durch den Aufenthalt in unserem Waldkindergarten und durch verlässliche, immer wiederkehrende Rhythmen erleben die Kinder innere Stabilität und Ausgeglichenheit.
Die Kinder lernen Wertschätzung für die uns umgebenden Pflanzen und Tiere. Wir bieten elementare Erfahrungen von Erde, Feuer, Wasser und Luft. Die Kinder erfahren, dass verschiedene Jahreszeiten, Wetter und Plätze unterschiedliche Spielmöglichkeiten für sie bereithalten. Für die Spiritualität und das magische Weltbild eines Kindergartenkindes ist die Natur die geeignetste Umgebung - das Kind ist Natur.


Ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen - NATUR ALS BILDUNGSRAUM FÜR KOPF, HERZ UND HAND

Kinder lernen immer mit dem ganzen Körper. Durch intensives Wahrnehmen mit allen Sinnen können sie ihre Lebenswelt aus erster Hand „be-greifen“. Sie sind aktive Gestalter ihrer Spielwelten und suchen sich täglich neue individuelle Herausforderungen, an denen sie wachsen. [3]

Sehen

das Ziehen der Wolken, die Biene auf der Blüte, den glitzernden Schnee auf der Fichtenspitze, den Ameisenhaufen in Ruhe betrachten und entdecken...

Hören

die Vogelstimmen, die Insekten fliegen hören, der prasselnde Regenguss, der Wind in den Bäumen...

Riechen

der moosige Waldboden, die Blumen auf der Wiese, der harzige Ast...

Schmecken

Tautropfen, Raureif, ein nasses Blatt, frischen Sommerklee...

Fühlen

der raue Fichtenzapfen, die feinen Blütenblätter, die gefurchte Baumrinde, der glatte Stein, der feuchte Lehm...

Gleichgewicht

der unebene Feld-, Wald-, und Wiesenboden, der wackelige Baumstamm, die Baumschaukel, Kletterbäume...

Autonomie und Demokratie

Wir motivieren die Kinder ihre Interessen, Wünsche und Gefühle zu erkennen, auszudrücken und mit ihnen umzugehen, damit sie ihren Alltag aktiv mitbestimmen und gestalten können.
Bei der Abstimmung im Morgenkreis über die Wahl des Platzes, die Spielangebote, den Ablauf eines Tages wird demokratisches Handeln gelernt.

Soziales Lernen – GEMEINSAM SIND WIR STARK

Wir fördern Akzeptanz, Toleranz und Wertschätzung.
Unser Waldkindergarten regt die Kinder an, untereinander Kontakt aufzunehmen und miteinander zu kommunizieren.
Die Kinder lernen miteinander zu kooperieren. Sie nehmen Rücksicht auf Ängstliche oder Schwächere. Konflikte können in der Gruppe gemeinsam und konstruktiv gelöst werden. Das Miteinander in der Natur erfordert von jedem Einzelnen Achtsamkeit und Zuverlässigkeit.
In der altersgemischten Gruppe können alle voneinander lernen.

Kreativität und Phantasie - EIN STOCK KANN ALLES SEIN

Die Naturmaterialien regen die Phantasie in besonderer Weise an und bieten die Kulisse für Geschichten und Rollenspiele. Sie sind beliebig einsetzbar, immer verfügbar, dabei steht oft das kreative Tun vor dem eigentlichen Werk.


Motorik - ZEIT UND RAUM FÜR AUSREICHEND KÖRPERERFAHRUNG

Die Natur bietet für jedes Stadium motorischer Entwicklung, für jedes Bedürfnis und persönliche Herausforderung den passenden Platz. All diese Körpererfahrungen sind die Grundlage für späteres Lernen.
Wir lassen die Kinder, auf Grundlage des Vertrauens in ihre individuellen Fähigkeiten, ihre motorischen Kompetenzen eigenständig erarbeiten – selbstverständlich unter dem Aspekt des Kindeswohls.

Kognition

Im Alltag wird auf das Lernen von Sprache, Zahlen, Formen und Farben besonders geachtet.
Bei spezifischem Förderbedarf verweisen wir die Familie an Fachdienste, wie z. B. Logopäden oder Ergotherapeuten.

Gesundheit - MIR GEHT ES GUT

Die vielfältigen Körpererfahrungen stärken Immunsystem, Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht. Durch die geringe Lautstärke und die Bewegungsfreiheit kommen die Kinder ausgeglichen aus dem Wald.
Gesunde Ernährung ist ein durchgängig wichtiges Thema in unserem Waldkindergarten.

Sicherheit - ICH FÜHLE MICH GEBORGEN

Die räumliche Weite bietet Freiheit. Der strukturierte Tagesablauf, bestimmte Rituale, Regeln und Grenzen bieten Sicherheit. Das Wohl des Kindes steht dabei immer an erster Stelle.

Rhythmus und Musik

Wir fördern die Freude an der Musik durch Singspiele, Klanggeschichten, Lieder und Liedbegleitung mit Instrumenten.

Religion und Ethik

Grundlage unseres ethischen Verständnisses sind Respekt und Toleranz.
Als Mitglieder unserer christlich geprägten Gesellschaft, feiern wir christliche Feste, wie Ostern und Weihnachten bei uns im Wald.[4]

Schulvorbereitung - STETES LERNEN IM TUN

Lernen ist integraler Bestandteil des täglichen Tuns des Kindes. Somit ist jeder Tag im Waldkindergarten Vorbereitung auf die Schule. Die Kinder können das Lerngeschehen mitbestimmen, denn die Umgebung bietet die Möglichkeit sich intensiv mit einzelnen Themen, Fragestellungen, Materialien oder Angeboten auseinander zu setzen.
Bei uns erwerben die Kinder die Basis-Kompetenzen, die sie zur Schulfähigkeit benötigen.
Die Inhalte unserer Förderung der Vorschulkinder sind auf die Anforderungen des Schulbeginns abgestimmt und werden durch die Kooperation mit den Schulen aktualisiert. Die Förderung erfolgt durch situationsorientierte und angeleitete Arbeiten.


3. Zusammenarbeit mit den Eltern

Wir verstehen uns als eine familienergänzende und unterstützende Einrichtung.
Eltern und Erzieherinnen akzeptieren einander als Experten, des jeweiligen Verantwortungsbereiches, für das jeweilige Kind. Beide Seiten haben naturgemäß unterschiedliche Perspektiven, da sie das Kind in verschiedenen Lebenswelten erleben.[5]
Der gegenseitige Informationsaustausch und Kontakt mit den Eltern ist uns sehr wichtig.
Mindestens einmal im Jahr findet ein Elterngespräch statt, bei dem über die individuelle Entwicklung des Kindes gesprochen wird.
Auf Elternabenden und Festen entsteht ein intensiver Kontakt zwischen Eltern, Team und den Eltern untereinander.
Diverse Elternbriefe, E-Mails und Aushänge an unserer Infotafel am Treffpunkt dienen der Transparenz und Veranschaulichung unserer Arbeit.


4. Umsetzung unseres Konzepts in der Waldpraxis

Unser Morgenkreis


Fünf Fingerlein, die schlafen fest, wie Vöglein in ihrem Nest.
Da kam die liebe Sonne vom Himmel herab, da ist der Daumen zuerst aufgewacht.
Der reckt sich und streckt sich und ruft dann erfreut:
„Guten Morgen liebe Sonne, schön ist es heut."
Er klopft dem zweiten auf die Schulter ganz sacht. Davon ist dann auch er aufgewacht, er reckt sich und streckt sich und ruft dann erfreut: Guten Morgen liebe Sonne, schön ist es heut.
Da haben die beiden gescherzt und gelacht, davon sind die drei Andren aufgewacht.
Die recken sich und strecken sich und rufen erfreut:
„Guten Morgen liebe Sonne, schön ist es heut!"


Das allmorgendliche feste Treffen stellt, genauso wie unser Abschlusskreis, einen wichtigen Orientierungspunkt im Tagesablauf der Kinder dar. Mit dem Morgenkreis starten wir in unseren Waldtag.
Wir begrüßen uns mit Liedern und Reimen, dann zählen wir die Kindergruppe und legen die Zahl der anwesenden Kinder. Wir wecken unseren Körper auf, halten Ausschau nach den Waldtieren, meditieren, lauschen, spielen Kreisspiele, machen Quatsch und haben viel zu lachen.
Außerdem werden jahreszeitliche und wetterbezogene Themen und aktuelle Projektangebote anschaulich und praxisorientiert behandelt. Wir besprechen den Tag, welche Angebote stattfinden, ob Wanderungen unternommen werden oder ob wir einen anderen Waldplatz besuchen wollen.
Wenn wir im Kreis miteinander sprechen, dann üben wir gegenseitiges Zuhören und Aussprechenlassen. Uns ist ganz wichtig, den anderen ernst zu nehmen und zu respektieren.
Integrationsprozesse finden im gemeinsamen Spiel statt, darum spielen wir viele Kreisspiele (z. B.: Mein rechter Platz ist leer, Kleiner Iggi Igel, Rumpel Pumpel ging spazieren).
Im Kreis werden die Fähigkeiten einzelner Kinder für alle sichtbar. Wir applaudieren alle und zeigen damit unsere Anerkennung für angenommene Herausforderungen oder auch gemeinsame Leistungen.
Nach dem Morgenkreis geht’s auf ins Freispiel.

Das freie Spiel

Entdecken und erkunden ist die ursprüngliche Lebensenergie jedes Lebewesens und damit eine Grundvoraussetzung für Lernen und Leben. Jedes Kind kommt mit diesem natürlichen Bedürfnis auf die Welt. Durch seine Neugierde und Lust lernt es in jedem Augenblick und entwickelt sich.
Das Spiel ist im Waldkindergarten im wahrsten Sinne des Wortes frei.
Der gemeinsame Alltag erfordert Rücksichtnahme und Toleranz. Die kleinere Gruppe und der großzügige Raum erlauben intensive Gefühlserfahrungen und Zeit für gemeinsame, konstruktive Konfliktlösung und Handeln im sozialen Kontext.
Die Kinder kommen mit lebendigem Spielmaterial in Berührung, das vergänglich und veränderbar ist. Phantasie, Spieltrieb und Kreativität können auf natürliche Art und Weise gelebt und frei entfaltet werden. Die (fast) spielzeugfreie Umgebung fördert die Kommunikation untereinander.
Wir Erzieher nehmen im Freispiel häufig eine beobachtende Funktion ein. Wir beobachten die Entwicklung der Kinder, Themen, die sie beschäftigen und die wir dann, teilweise situativ oder im angeleiteten Spiel, aufgreifen.

Gemeinsames Früstück


„Miteinander essen, das kann schön sein,
froh zu Tische sitzen, lieben wir.
Gaben lasst uns teilen und auch noch verweilen,
schön, dass wir beisammen sind."


Vor dem Frühstück werden zwei Kinder zum „Waschdienst“ ausgewählt. Sie übernehmen die Verantwortung für Seife, Wasser und das geordnetes Händewaschen.

Wir frühstücken immer gemeinsam.
Wir beginnen zusammen mit einem Gebet oder einem Lied.
Wir legen viel Wert auf Essenmanieren und entspanntes und ruhiges Essverhalten.
Wir lauschen Gesprächen und Erzählungen und beteiligen uns daran.

Angebote und Projekte

In der Zeit nach dem Frühstück bis zum Abschlusskreis finden die meisten von den Erziehern vorbereiteten Angebote und Projektarbeiten statt.

Angebote

Wir unterscheiden freie und feste Angebote.

Freie Angebote:
Die Kinder entscheiden selbst, ob sie am Angebot während des Freispiels (z. B.: malen, werken, tonen, Bilderbuchbetrachtung, Brettspiele, offene Lerndecke) teilnehmen möchten. Es können alle Altersstufen teilnehmen.

Feste Angebote:
Eine Gruppe, nach Alter, Fähigkeiten und Entwicklungsstand geteilt, nimmt am vorbereiteten Angebot teil.
Beispiele: Entspannungs- und Klanggeschichten, Vorschularbeit, Mittwochssport, Förderangebote, Bibelstunde, Lern-, und Entdeckungswanderungen und Sitzkreise zu bestimmten Themen (wie Gesunde Ernährung, Streit, etc.).

Projekte

Projekte werden zu vielfältigen Themen angeboten oder von den Kindern vorgeschlagen. Projekte werden immer über einen längeren Zeitraum behandelt. Durch situationsorientierte oder jahreszeitlich bedingte Anlässe entstehen die Ideen und Inhalte unserer Projekte im direkten Zusammenhang mit der aktuellen praktischen, kindlichen Lebenswelt.

Feste

Zu unseren festen Ritualen gehört nicht nur ein Fest an sich, sondern auch dessen Vorbereitung und Einstimmung in der Kindergartengruppe.
Im Wechsel der Jahreszeiten schenkt die Natur uns für unsere Feste eindrucksvolle Kulissen und Stimmungsbilder. Der Nikolaus verliert im Wald seinen Sack, im Fasching geht es bunt her und der Osterhase legt in unsere Moosnester kleine Marienkäfer.
Der Geburtstag jedes Kindes wird bei uns sehr persönlich gefeiert.

Der Abschlusskreis

Auch der Abschlusskreis ist ein immer wiederkehrendes Ritual, er beendet den Kindergartentag.
Im Kreis der Gruppe können die Kinder von Tageserlebnissen berichten oder Gebautes und Gefundenes zeigen. Wir machen Gruppenspiele oder singen noch einmal ein gelerntes Lied.
Gab es im Spiel Probleme oder Konflikte, nutzen wir Erzieher die Möglichkeit diese im Abschlusskreis zu thematisieren und mit Unterstützung der Kinder zu klären.
Zum Abschluss singen wir ein Lied und begeben uns auf den Rückweg zum Treffpunkt.


Anmerkungen:

[1]

Basiskompetenzen sind:
Selbstwahrnehmung, motivationale Kompetenzen, kognitive Kompetenzen, physische Kompetenzen, soziale Kompetenzen, Entwicklung von Werten und Orientierungskompetenzen, Fähigkeit und Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, Fähigkeit und Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe, lernmethodische Kompetenz, Widerstandsfähigkeit.
Vgl. BEP, S. 54 ff.

[2]

Vgl. BEP, S. 23

[3]

BEP, S. 58:
„(…). Die Wahrnehmung durch Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen ist grundlegend für Erkennens-, Gedächtnis- und Denkprozesse.“

[4]

BEP, S. 173:
„(…). In ihrer Konstruktion der Welt und ihrem unermesslichen Wissensdrang sind Kinder kleine Philosophen und Theologen. Die Frage nach Gott kann für sie in diesem Sinne eine zentrale Lebensfrage sein.“

[5]

BEP, S. 438:
„Bei einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern findet das Kind ideale Entwicklungsbedingungen vor. (…).“